Pfingstgottesdient zum Konzil von Nicäa

Predigt von Pfarrerin Antonia Klumbies

Predigt zu „1700 Jahre Konzil von Nizäa“ am Pfingstsonntag, den 08.06.2025, in der Evangelischen Christuskirche Rheinfelden
 
 

Älteste Abschrift des Bekenntnisses von Nicäa aus dem 6. Jahrhundert
I. Die Synode und vom ersten Teil: Gott, Vater
 
Wir befinden uns mitten im Römischen Reich, liebe Gemeinde. Kaiser Konstantin hat gerade durchgesetzt, das Christentum als Hauptreligion zu führen. Seit dem Jahr 312 ist es offiziell Staatsreligion im Reich. Wenige Jahre später sichert sich Konstantin dann auch noch die Alleinherrschaft über das gesamte Römische Reich.
Glaubensfragen sind für ihn Teil seines politischen Programms. Eine Einheit der Religion trägt zur Stabilisierung des Reiches bei, weiß Konstantin. Ob er den Glauben auch im Herzen trug, bleibt offen. Jetzt, wo er seinen Glauben offiziell gemacht hat, wird es Zeit, ihn inhaltlich zu profilieren: Nur wie? Eine große Versammlung aller Bischöfe, die über den Globus verteilt leben, könnte die Lösung sein. Konstantin beruft also ein Konzil ein. 325 n.Chr. versammelt der Kaiser höchstpersönlich die wichtigsten theologischen Stimmen der Zeit in Nizäa, dem heutigen Iznik in der Türkei. Es liegt ganz in der Nähe von Konstantinopel, die Stadt die er kurze Zeit später gründen und nach sich selbst benennen sollte.
Alles ist großherrschaftlich vorbereitet – kaiserlich eben. Aber Konstantin beruft diese Synode im Jahr 325 nicht nur ein. Er nimmt selbst Teil; man munkelt, er habe die Synode teilweise sogar selbst geleitet. Es ist das erste weltweite Konzil seiner Art, ca. 300 Bischöfe aus dem gesamten Mittelmeerraum erscheinen. Für sie ist das eine große Ehre: der Kaiser selbst fragt nach ihrer Einschätzung. Nach den vielen Jahren der Verfolgung, denen Christinnen und Christen im Reich ausgesetzt waren, passiert nun endlich das, was kaum vorzustellen war: alles dreht sich um das Christentum.
Über eines ist man sich schnell einig: Gott, der Eine, der Allmächtige, er ist es, der diese Welt erschaffen hat. Der eine Gott hat unsere Erde gemacht mit allem, was wir sehen und auch das, was unsere Augen nicht sehen können. Damit ist ein theologischer Grundsatz verbindlich gemacht: Wir Christinnen und Christen glauben nicht an Götter und Göttern, wir bekennen den einen, allumfassenden Gott.
Gottes Geist wirkt: Einmütigkeit liegt in der Luft von Nizäa.
 
Wir singen: „Atme in uns, Heiliger Geist“
 
II. Wer war dieser Jesus? Vom zweiten Teil: Gott, Jesus Christus
 
Das Konzil hat also begonnen. War es wuselig, angespannt oder doch fröhlich im Raum? Die Dinge, die es zu verhandeln galt, waren wichtig und brisant. Eine Frage drängte sich mehr und mehr in den Vordergrund: wer war und ist dieser Jesus? Und dann wurde gestritten und gerungen; überworfen und neu nachgedacht. Wäre es nicht so ernst und hätten manche Ausgrenzungen und Herablassungen nicht schlimme Konsequenzen gehabt; es würde fast wie bei „Asterix und Obelix“ oder wie bei „Das Leben des Brian“ klingen. Da sind die einen, die eisern darauf bestehen: Jesus ist nur wesensähnlich mit Gott. Auf griechisch heißt das: homoios. Und dann ist da das andere Lager, das stetig darauf beharrt: nein, ähnlich reicht nicht. Jesus Christus und Gott, Vater, Schöpfer dieser Welt, sind wesensgleich; homouisosauf Griechisch. Ja, auf Griechisch besteht hier gefährliche Verwechslungsgefahr. Es hängt an zwei Buchstaben: homoios oder homousios? In welchem Verhältnis steht Jesus Christus zu Gott?
Warum ist das überhaupt wichtig?
Weil die gesamte religiöse Identität des Christentums auf dem Spiel steht. Das ist keine fachinterne Studierstuben-Frage. Es ist die Frage unserer christlichen Existenz. Die Identität des Christentums basiert auf der theologischen Deutung der Person Jesu Christi. Die Frage nach dem Verhältnis von Jesus und Gott tangiert auch heute noch unsere persönliche Vorstellung von Frömmigkeit, von unserer christlichen Existenz. An welchen Jesus glaubst Du? Den klugen Wanderprediger? Den Aufrührer und Revolutionär?
Auf dem Konzil von Nizäa standen weniger verschiedene Jesusbilder zur Disposition. Es ging um die grundsätzliche Verhältnisbestimmung dieses echten von einer echten Frau geborenen Menschen zu Gott. Als Christinnen und Christen glauben wir, dass sich in diesem Menschen Jesus Gott gezeigt hat. Von Gott lässt sich dann nur reden, indem zugleich von Jesus von Nazareth gesprochen wird und umgekehrt. „Wahrer Gott von wahrem Gott“, kein Geschöpf wie wir, nein „eines Wesens mit dem Vater“.
Dieser Jesus ist für uns Menschen, für Dich und für mich, wegen unseres Heils herabgestiegen. Gott zeigt sich menschlich, damit die erdrückende Last unserer Schuldhaftigkeit ein Ende findet. Weil am Kreuz wirklich Gott unser aller Versagen auf sich geladen hat, können Schuldzuweisungen unter uns an ein Ende kommen.
 
INTERLUDIUM BLÄSER
 
III. Eine pfingstliche Leerstelle. Vom dritten Teil: Gott, Heiliger Geist

Heute ist Pfingsten. Das Fest der Geistgabe Gottes. In einem Sausen und Brausen, in Feuerflammen sendet Gott seinen Geist herab. Die Apostelgeschichte schildert lebhaft, wie die Jüngerinnen und Jünger das Pfingstwunder erlebt haben. Auch hier ist das ein oder andere Augenzwinkern möglich, wenn getuschelt wird, ob die Freundinnen und Freunde Jesu vielleicht einfach nur betrunken sind.
Beim Blick auf unser Bekenntnis von Nizäa bemerkt man schnell: Die Aussagen über den Heiligen Geist sind – nun ja –  kurz: „und an den Heiligen Geist.“ Punkt. Aus. Ende. Einige Jahrzehnte später wird man diese Lücke mit wunderbaren Worten füllen und dem Geist als dritter Person des einen Gottes Raum geben. Hier in diesem ersten Dokument eines weltweiten Konzils fällt sie aber eklatant ins Auge: die pfingstliche Leerstelle. Ausgerechnet an Pfingsten! Der Heilige Geist ist eine Leerstelle im Bekenntnis von Nizäa.
Historisch ist das zutreffend. Mit Fragen nach der Verhältnisbestimmung von Geist, Vater und Sohn beschäftigte man sich in größerem Maße erst später. Historisch stimmt das. Theologisch steckt der Geist in mehr als diesem einen Satz des Bekenntnisses. Bekennen kann nur, wen der Geist durchfährt, lautet die Prämisse.
Das Konzil und Bekenntnis von Nizäa sind nun 1700 Jahre alt. Was hat das heute noch mit uns zu tun? In der Zwischenzeit ist viel passiert. Viele haben sich an neuen Glaubensgrundsätzen versucht, eigene Glaubenssätze geschrieben. Und das ist gut so. Denn es zeigt: mit dem Glauben wurde und wird gerungen. Formulierungen für das, worauf wir vertrauen, werden immer wieder neu gesucht.
Die Verbindlichkeit, die das Bekenntnis von Nizäa hat, wurde auch aufs Härteste geprüft. Prüfung braucht die Verbindlichkeit, denn sonst wird sie zu entleertem Dogmatismus. Gleichzeitig schenkt die Verbindlichkeit solcher großer Dokumente Halt und Gemeinschaft. Diese für alle Christinnen und Christen aus so vielen unterschiedlichen Konfessionen geltende Verbindlichkeit des Nizänums gibt Kraft. Wenn ich es spreche, fühle ich mich so verbunden mit Christinnen und Christen auf der ganzen Welt, die auf das hoffen, auf das ich auch hoffe.
Ich frage mich oft, wie offen und laut ich zu meinem Bekenntnis stehen würde, wenn alles auf dem Spiel stünde. Würde ich bis zum Äußersten Jesus Christus bekennen? Ich weiß es nicht und hoffentlich muss das niemals jemand von uns hier wissen und erfahren. Die Beschäftigung mit der Bekenntnisfrage lädt zum Nachdenken ein über das, woran ich wirklich mein Herz hänge in diesem Leben.
Ein Nachspüren dieses Jubiläums zeigt schließlich: bei all den klugen Formulierungen und den unglaublich komplexen theologischen Gedanken, die angestellt wurden, sind Bekenntnisse vorläufig.

Glaube und Bekenntnis bleiben ein pfingstliches Geschehen: Gottes Geist bewirkt in uns, mutig zu unserem christlichen Bekenntnis zu stehen. Manchmal leise. Manchmal laut. Aber immer wieder neu. Amen.